Unser Referenzrahmen
Jedes Modul lässt sich auf eine umgrenzte Forschungstradition zurückführen. Dieser Artikel macht die Zuordnung explizit und benennt die Schlüsselarbeiten, an denen wir uns ausrichten. Die Absicht ist keine vollständige Literaturübersicht, sondern Rechenschaft: Aus welcher Forschungslinie stammt eine Übung, was lässt sich auf dieser Basis vertreten, und wo liegen die Grenzen?
Die vier Module decken vier distinkte Konstrukte ab: soziale Skripte (Social Stories), Theory of Mind, Emotionserkennung und -regulation, exekutive Funktionen bei ADHS. Jedes hat einen eigenen disziplinären Hintergrund, eine eigene Operationalisierungstradition und eigene methodische Grenzen, die wir nacheinander durchgehen.
Was dieser Artikel nicht ist
Dies ist keine systematische Übersichtsarbeit und kein Lehrbuchkapitel. Wir verweisen auf einzelne Schlüsselarbeiten und Meta-Analysen, nicht auf den vollständigen Korpus. Wo wir Wirkungsaussagen wiedergeben, geben wir die Quelle und das berichtete Effektmaß so an, wie es in der Originalarbeit steht; eigene Effektschätzungen behaupten wir nicht, solange unsere Evaluation aussteht.
Theory of Mind: vom Wunsch zur Überzeugung höherer Ordnung
Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, anderen mentale Zustände, also Überzeugungen, Wünsche, Absichten und Wissen, zuzuschreiben und zu erkennen, dass sich diese von den eigenen unterscheiden können.
Die klassische Operationalisierung ist die False-Belief-Aufgabe von Wimmer und Perner (1983), in einer der bekanntesten Versionen die Sally-Anne-Aufgabe von Baron-Cohen, Leslie und Frith (1985). Wellman, Cross und Watson (2001) zeigen in ihrer Meta-Analyse über mehr als 170 Studien einen klaren entwicklungspsychologischen Übergang um das vierte Lebensjahr und eine konsistente Verzögerung bei autistischen Kindern.
Wellman und Liu (2004) haben fünf Aufgabentypen in einer empirisch validierten Guttman-Ordnung skaliert: unterschiedliche Wünsche, unterschiedliche Überzeugungen, Wissenszugang, falsche Überzeugung, versteckte Emotion. Diese Sequenz bildet den Kern unserer Modul-Struktur und legt die Reihenfolge fest, in der die Übungen aufeinander aufbauen.
Die Trainingsforschung ist ambivalent. Fletcher-Watson und Kollegen (2014) berichten in einem Cochrane-Review zu sozial-kognitivem Training bei autistischen Kindern und Jugendlichen vorläufige Belege für Effekte auf trainingsnahe Maße, aber keine konsistente Generalisierung auf alltagsnahe soziale Outcomes. Dieser Befund prägt unsere Erwartung an das eigene Modul: trainingsnahe Veränderung ist plausibel, breitere alltagsnahe Wirkung darf nicht behauptet werden.
Emotionserkennung und Regulation: zwei Forschungslinien, eine Sequenz
Die Erkennungsebene knüpft an Paul Ekmans Arbeit zu Basisemotionen an (Ekman 1992) und an die Forschung zu Gesicht, Stimme und Körperhaltung als Träger emotionaler Information. Die Meta-Analyse von Uljarevic und Hamilton (2013) über 48 Studien belegt eine moderate Beeinträchtigung in der Erkennung mimisch ausgedrückter Emotionen bei autistischen Personen, mit deutlich höheren Effektgrößen für komplexere und ambigue Stimuli.
Die Regulationsebene folgt dem Prozessmodell der Emotionsregulation nach Gross (1998): Situationsauswahl, Situationsmodifikation, Aufmerksamkeitslenkung, kognitive Veränderung, Reaktionsmodulation. Bei autistischen Kindern und Kindern mit ADHS ist insbesondere die kognitive Umstrukturierung empirisch geprüft (Übersicht bei Mazefsky und Kollegen 2013), mit überwiegend positiven Effekten in strukturierten Settings und vorsichtigen Aussagen zur Generalisierung.
Unsere Übungen folgen der pädagogischen Sequenz erkennen, benennen, regulieren. Statt allgemeiner Aufforderungen zum Umgang mit Gefühlen arbeiten sie mit benannten Techniken wie Atemführung, Grounding und altersangemessener kognitiver Umstrukturierung, die Fachkräfte als solche wiedererkennen und mit den nutzenden Kindern einordnen können.
Exekutive Funktionen bei ADHS: Komponenten, Defizite, Transfer
Unter exekutiven Funktionen lassen sich die Kontrollprozesse zusammenfassen, die zielgerichtetes Handeln ermöglichen. Miyake und Kollegen (2000) haben drei Kernkomponenten faktorenanalytisch isoliert: Inhibition, Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses und Set Shifting. Adele Diamond (2013) gibt einen viel zitierten Überblick zur Architektur und Entwicklung dieser Komponenten.
Für ADHS ist die Defizit-Hypothese gut belegt, aber heterogen. Willcutt und Kollegen (2005) zeigen in ihrer Meta-Analyse über 83 Studien moderate, breit verteilte Effekte (gewichtete Cohen-d-Werte zwischen 0,4 und 0,6 für die Hauptdomänen), aber kein universelles Defizit-Profil; etwa ein Drittel der Kinder mit ADHS-Diagnose zeigt unauffällige Werte in den klassischen EF-Tests. Russell Barkley (1997) hat die Rahmung als Selbstregulationsstörung etabliert, die diese Heterogenität teilweise erklärt.
Die Trainingsforschung ist gemischt. Sonuga-Barke und Kollegen (2013) berichten in einer Meta-Analyse zu nicht-pharmakologischen Interventionen bei ADHS bescheidene Effekte auf ADHS-Symptome und uneindeutige Transfer-Effekte über die trainierten Aufgaben hinaus. Computerbasierte EF-Trainings (etwa Cogmed) zeigen Verbesserungen in den trainierten Aufgaben, aber begrenzten alltagsnahen Transfer (Melby-Lervåg und Kollegen 2016).
Unser Modul folgt der gängigen Praxis, einzelne Komponenten zunächst isoliert zu trainieren und in einem zweiten Schritt zu integrieren. Übungen sind kurz, wiederholbar und externalisieren Strukturen wie visuelle Planung und explizite Zeithilfen. Die Transferproblematik nehmen wir ernst: nichts in unserer Kommunikation impliziert, dass Verbesserung im Modul automatisch Verbesserung im Alltag bedeutet.
Was wir nicht behaupten, und was in der Evidenz offen bleibt
Es lohnt sich, explizit zu sagen, was nicht behauptet wird. Die Module sind kein diagnostisches Instrument; sie liefern keine Befundberichte, keine Cut-Off-Werte und keine Screening-Funktion. Sie sind kein Therapieersatz, sondern eine strukturierte Übungsebene innerhalb eines praxisvermittelten Modells.
Wir behaupten auch keine kausale Wirkkette zwischen Modulnutzung und alltagsnahen Outcomes. Die zitierte Trainingsforschung ist in fast allen Domänen vorsichtig, was Generalisierung und Persistenz angeht. Unsere eigenen Aussagen orientieren sich an dieser Vorsicht.
Die belastbarsten offenen Fragen in der referenzierten Literatur betreffen drei Bereiche: Generalisierung über das Trainingsmaterial hinaus, Persistenz nach Trainingsende und der relative Beitrag des digitalen Werkzeugs gegenüber der menschlichen Begleitung. Hinzu kommt eine Lücke, die uns spezifischer betrifft: Die zitierten Wirksamkeitsstudien adressieren überwiegend einzelne Konstrukte (ToM-Aufgaben, Mimikerkennung, EF-Tests). Studien, die eine integrierte Übungsumgebung über mehrere Konstrukte hinweg evaluieren, sind selten.
Worauf uns das verpflichtet
Wer eine Forschungsbasis benennt, schafft sich eine Verpflichtung. Die Behauptung jedes Moduls, mit einem definierten Konstrukt zu arbeiten, lässt sich gegen die zitierte Literatur prüfen, und genau das soll möglich sein.
Unsere Roadmap sieht eine Phase der methodischen Publikation vor, deren Zweck diese Prüfung ist: welche Konstrukte wir adressieren, wie wir sie operationalisieren, welche Ankerarbeiten wir heranziehen und was unsere eigene Evaluation findet. Bis dahin ist dieser Artikel der explizite Stand: woran wir uns ausrichten, und was wir auf dieser Basis nicht behaupten.
Social Stories: implizite Regeln explizit machen
Carol Gray entwickelte das Social-Stories-Format ursprünglich 1991 (Gray und Garand) auf Basis einer einfachen Beobachtung: Viele soziale Situationen folgen Regeln, die nirgendwo expliziert sind, und autistische Kinder berichten häufig, sie aus dem Kontext nicht ableiten zu können.
Eine Social Story ist eine kurze, strukturierte Erzählung, die nach einem definierten Verhältnis aus deskriptiven, perspektivischen, direktiven, affirmativen und kooperativen Satztypen organisiert ist. Gray hat die Vorgabe mehrfach revidiert; in der Fassung von 2010 liegt der Anteil deskriptiver Sätze deutlich über dem direktiver. Der Sinn dieser Asymmetrie ist, dass die Geschichte nicht zur Verhaltensvorschrift werden soll.
Die Evidenzlage ist gemischt. Reynhout und Carter (2011) berichten in einer Meta-Analyse zu Single-Case-Designs heterogene, überwiegend kleine bis moderate Effekte auf Zielverhalten, mit erheblichen Grenzen bei Generalisierung und Aufrechterhaltung. Test, Richter und Kollegen (2011) bestätigen das Muster für Schul-Settings: Veränderungen sind im trainierten Kontext sichtbar, übertragen sich aber nicht zuverlässig auf andere Situationen.
Unser Modul übernimmt die narrative Form und das Satzverhältnis, nicht den Anspruch, mit einer einzelnen Story ein bestimmtes Zielverhalten zu etablieren. Die Interaktivität ergänzt eine Wiederholbarkeit, die paperbasierte Stories nicht haben. Generalisation bleibt eine offene Frage, die wir nicht durch Designentscheidungen allein lösen können.